BESUCH BEI DER HINRICHSENS FARM BRENNEREI AUF FÖHR – WHISKY, WERTE UND FRIESISCHE IDENTITÄT
Manchmal gibt es Orte, die man nicht nur besucht, sondern erlebt. Orte, an denen Handwerk, Geschichte, Familie und Landschaft so eng miteinander verwoben sind, dass man sie im Glas schmecken kann. Was wie ein kitschiger Marketing Slogan klingt, ist auf Föhr Alltag.
Kein Kitsch, keine schicke Werbung, sondern die harte Arbeit einer Familie: Der Hinrichsens.
Die Hinrichsens Farm Destillerie auf der Insel Föhr ist ein Ort und Whiskyproduzent, wie es ihn selten gibt.
Mein Besuch dort war weit mehr als eine klassische Brennereibesichtigung – es war eine intensive Begegnung mit Menschen, Werten und einem kompromisslos eigenständigen Whiskyverständnis. In tiefer Dankbarkeit und Verbundenheit habe ich die Hinrichsens verlassen, in dem Wissen, dass wir uns wiedersehen werden. Kommt mit zu einer der zur Zeit spannendsten Whisky Brennereien unseres Landes…
ANKOMMEN AUF FÖHR – UND SOFORT ENTSCHLEUNIGEN
Schon die Anreise über die Insel hat etwas Erdendes. Winterlich kalt, weiter Himmel, Marschland, Kühe neben der Straße – und mittendrin die Farm der Familie Hinrichsen. Hier wird nicht inszeniert, hier wird gelebt. Als ich ankomme, spüre ich sofort: Das ist kein Marketing-Konzept, sondern ein gewachsener und organischer Lebensentwurf. Jan begrüßt mich in Arbeitskleidung und wir wärmen uns im Tasting Room mit einem Whisky auf. Schon das erste Kennenlerngespräch hätte ich gern auf Kamera gehabt. Die Ehrlichkeit und der trockene Humor des Nordfriesen ist erfrischend. Wir werden schnell warm miteinander, nicht nur wegen dem guten Stoff im Glas.
Die Hinrichsens sind Landwirte mit Generationen Geschichte. Die Farm existiert seit Jahrhunderten und war lange ein klassischer Milchviehbetrieb. Doch genau hier beginnt die Geschichte, die diesen Whisky so besonders macht.
VON DER LANDWIRTSCHAFT ZUM SINGLE ESTATE WHISKY
Jan Hinrichsen erzählt offen davon, warum er die konventionelle Milchviehhaltung aufgegeben hat. Preisdruck, Abhängigkeit von Großmolkereien und eine Landwirtschaft, die immer größer, immer intensiver werden musste – all das widersprach seinem Naturell und Wertvorstellungen. Sein Ziel war klar: eine Form der Landwirtschaft, die im Einklang mit Natur, Tieren und Familie steht.
Die Wende kam über Umwege aus der Familiengeschichte jenseits des Atlantiks. Die Familie hat eine tiefe Verbindung zu den USA, geprägt durch mehrere Generationen von Auswanderern. Bei einem Besuch bei Verwandten im Hudson Valley stießen die Hinrichsens auf eine Single-Estate-Whiskybrennerei. Dort wurde ihnen klar: Whisky kann Herkunft transportieren. Boden, Klima, Menschen – alles findet seinen Ausdruck im Destillat.
Zurück auf Föhr reifte die Idee. Heute bauen die Hinrichsens ihr eigenes Getreide an, vermälzen es selbst, vergären, destillieren und reifen ihren Whisky direkt auf dem Hof. Mehr „Single Estate“ geht kaum. Ein Konzept, dass es nicht grundlos so extrem selten gibt. Denn dieser ganzheitliche Ansatz hat seinen Preis. Ich bin fasziniert davon, wie viele unterschiedliche Dinge die Familie hier zusammenführt. Mit Erfolg, wie der Whisky vor mir im Glas zeigt.
NEW MAKE IM GLAS – DIE BASIS STIMMT
Noch bevor wir über gereiften Whisky sprechen, probiere ich den New Make Spirit. Und der ist bemerkenswert. Fruchtig, sauber, mit klarer Getreidenote und spürbarer Tiefe. Nichts Spritiges, nichts Beliebiges. Man merkt sofort: Hier wurde auf Charakter destilliert. Jan hat eine genaue Idee, was er machen will.
Wir sprechen über Maische und Läuterung. Die Hinrichsens arbeiten bewusst mit Trübewürze, um mehr malzige, brotige und tiefe Aromen ins Destillat zu bringen. Klarere Würzen würden mehr Zitrus und Leichtigkeit liefern – aber das passt nicht zur eigenen Stilistik.
Jan bringt es treffend auf den Punkt: Sie wollen keinen modernen, glattpolierten Whisky, sondern einen ehrlichen, vollmundigen, fast altmodischen Charakter. Ein Whisky, der Wärme und Herkunft ausstrahlt.
Genau das ist der rote Faden bei Hinrichsens: Tiefe statt Effekthascherei. Frucht, aber keine Zitruslastigkeit, sondern Malz, Getreide – getragen von einer öligen Textur. Ein New Make, den man problemlos pur trinken kann. Beste Voraussetzungen für einen guten Single Malt.
FAMILIENBETRIEB MIT KLARER AUFGABENVERTEILUNG
Was bei einem Besuch schnell deutlich wird: Diese Brennerei funktioniert nur, weil es ein echtes Familienprojekt ist. Jonas, der Sohn, verantwortet die Landwirtschaft. Papa Jan kümmert sich um die Whiskyproduktion. Mama Marret betreibt das Hofcafé. Und die Tochter Anna übernimmt Social Media und Kommunikation. Nach Ihrem Studium auf dem Festland will sie zur Farm zurückkehren und am Familienbetrieb teilhaben.
Alle helfen überall mit, alle packen an, es gibt viel zu tun. Ergänzt wird das Team durch eine Mitarbeiterin im Büro, die sich durch den Bürokratie-Dschungel kämpft und unzählige freiwillige Helfer und Freunde auf Föhr. Ohne Solidarität und gegenseitige Hilfe geht es nicht auf der Insel. Und der Funke springt über.
FRIESISCHE IDENTITÄT & FRIESISCHER WHISKY MIT INTERNATIONALER ANERKENNUNG
Ein Detail hat mich besonders berührt: Die Familie spricht im Alltag Friesisch. Nicht für Instagram, nicht für Touristen – sondern weil es ihre Muttersprache ist. Auf Föhr sprechen nur noch wenige Tausend Menschen diese Sprache. Sie ist Identität, Heimat und Zusammenhalt.
Deshalb nennen die Hinrichsens ihren Whisky auch bewusst Frisian Farm Whisky bzw. Single Estate, ein friesischer Whisky – nicht einfach „deutsch“. Das ist kein Abgrenzungsgehabe, sondern ein ehrliches Bekenntnis zur eigenen Herkunft. Und genau diese Haltung zieht sich durch alles, was sie tun. Und dass die harte Arbeit sich auszahlt, zeigt schon jetzt die internationale Anerkennung. Während meines Aufenthalts bekommen die Hinrichsens die Nachricht, dass Sie in zwei ihnen sehr wichtigen Kategorien bei den World Whisky Awards in London ausgezeichnet wurden.
Sie sind Gewinner in den Kategorien Icons of Whisky „Sustainable Distillery“ (nachhaltige Brennerei) und „Single Estate Distillery“, dazu noch eine Gold Medaille für den Whisky. Die Euphorie hält sich (typisch friesisch) in Grenzen, aber Spaß beiseite – Ich spüre, dass sich die Familie über die Anerkennung wirklich freut. Eine reife Leistung auf die man stolz sein darf.
KREISLAUFWIRTSCHAFT – NICHT ALS SCHLAGWORT, SONDERN ALS PRAXIS
Besonders beeindruckend ist die konsequent gelebte Kreislaufwirtschaft:
- Das eigene Getreide wird zu Whisky verarbeitet.
- Der Treber und Heu geht zurück an die eigenen Kühe und Schweine.
- Die Tiere liefern Fleisch und Mist.
- Der Mist düngt die Felder.
Was so schnell in vier Zeilen dahingeschrieben ist, bedeutet einen Vollzeitjob für alle Beteiligten und ein Lebensentwurf in aller Konsequenz.
Dazu kommen erneuerbare Energien: Solar, Hackschnitzelheizung, perspektivisch Windkraft. Bereits heute deckt der Hof rund 75 % seines Energiebedarfs selbst. Es geht nicht um Perfektion, sondern um stetige Verbesserung – ein Ansatz, der glaubwürdig ist, weil er aus der Landwirtschaft heraus gedacht wird.
DER WHISKY: KRAFTVOLL, KOMPLEX, EIGENSTÄNDIG
Aktuell stehen bei Hinrichsens mehrere Abfüllungen im Fokus, meist in Small Batches und stets mit höherem Alkoholgehalt – oft um die 50 % oder in Fassstärke. Keine Kältefiltration, kein Farbstoff, sondern Substanz. Und natürlich keine Massenware. Hier ist die Limitierung durch die Natur bestimmt, nicht durch das Marketing-Team.
Besonders spannend sind die saisonalen Abfüllungen:
- Herbst: Harewst Edition – oft mit Bourbonfässern, vollmundig, getreidig
- Sommer (Somerinj) – leichter, zugänglicher, vielseitig
- Winter (Wonter) – mit Wermutfässern, wärmend, würzig
Dazu kommen Single Casks, etwa mit PX-Sherry- und Wermut-Finish. Diese Whiskys überraschen durch Tiefe, dunkle Frucht, Würze und erstaunliche Reife – trotz ihres jungen Alters.
„DER LANGE WEG“ – MITGLIEDSCHAFT MIT ECHTER NÄHE
Ein besonderes Projekt ist die Mitgliedschaft „Der lange Weg“. Mitglieder begleiten ein eigenes Fass über zehn Jahre, erhalten jährlich Abfüllungen, Proben, Biomalz, Übernachtungen auf dem Hof, Mitarbeit bei Ernte oder Mälzung und exklusive Tastings. Das ist kein Investmentmodell, sondern eine Einladung, Teil der Geschichte zu werden.
FAZIT: EIN WHISKY MIT HALTUNG
Mein Besuch bei der Hinrichsens Farm Brennerei hat mich tief beeindruckt. Nicht nur wegen der Qualität des Whiskys, sondern wegen der Konsequenz, mit der hier Werte gelebt werden. Landwirtschaft, Familie, Sprache, Nachhaltigkeit – alles greift ineinander.
Das ist kein „Craft“-Label. Das ist echtes Handwerk, sichtbar, nachvollziehbar und spürbar. Wer Whisky nicht nur trinken, sondern verstehen will, sollte diesen Ort besuchen – oder sich zumindest eine Flasche Hinrichsens gönnen.
Für mich steht fest: Das war nicht mein letzter Besuch auf Föhr.
Bis später!
Euer Leon
– Januar 2026 –